Inzwischen baut jeder irgendetwas mit KI. Aber kaum jemand hat jemanden, dem er es zeigen kann. Bluesky glaubt, die zweite Hälfte dieses Problems lösen zu können, und hat das am Donnerstag auf der Konferenz Disrupt 2026 angekündigt.
Das Unternehmen hat seine experimentelle KI-Plattform Attie erweitert, sodass ganz normale Nutzer Websites, Quizze, Spiele, Umfragen und andere interaktive Dinge erstellen und anschließend mit anderen teilen können. Attie startete Anfang dieses Jahres als Möglichkeit, mit KI individuelle Social-Media-Feeds zu erstellen. Die Feeds waren offenbar nur die Aufwärmübung.
Was Attie jetzt kann
Das Versprechen dahinter: Menschen, die diese Software niemals selbst hätten schreiben können, müssen sie jetzt nur noch beschreiben, um sie zu bekommen. Bluesky-CEO Toni Schneider formulierte es in einem Interview auf der Konferenz so: Man solle es sich als „soziales Vibe-Coding oder Vibe-Coding für deine Community“ vorstellen.
Er unterscheidet dabei zwischen der Nutzung allein und in der Gruppe. Seinen Worten zufolge ist Vibe-Coding heute vor allem eine Einzelnutzererfahrung. Er möchte, dass Menschen gemeinsam oder für eine Gruppe etwas entwickeln. Genau diese Lücke soll Attie schließen.
So funktioniert es den Berichten zufolge:
- Prompt rein, App raus. Du gibst eine Beschreibung ein, und Attie erstellt das Gewünschte. Ein Tester, der es ausprobiert hat, erstellte eine einfache Umfrage zu Pokémon Red und Pokémon Blue – in wenigen Minuten.
- Eine eigene Adresse. Fertige Apps erhalten einen individuellen Link auf der Domain attie.site. Unten auf der Seite wird der Ersteller genannt.
- Mit deiner Identität verknüpft. Die Ersteller entwickeln unter ihrer ATProto-Identität.
- Vorschläge aus deinem Profil. Attie schlägt dir auf Basis deines öffentlichen Bluesky-Profils vor, was du erstellen könntest.
- Bring dein eigenes Modell mit. Nutzer können ein KI-Modell ihrer Wahl einbinden oder Open-Weight-Modelle verwenden.
Die erstellten Anwendungen laufen außerdem auf dem AT Protocol, der offenen Grundlage von Bluesky und den anderen dezentralen Social-Apps, die gemeinsam das bilden, was das Unternehmen Atmosphere nennt. Sie sind also nicht in Blueskys Haupt-App eingeschlossen. Sie sind Teil desselben Ökosystems wie die App selbst.
Was die Leute tatsächlich gebaut haben
Auf der Attie-Website gibt es derzeit eine Handvoll Beispiele. Da ist „Flappy Butterfly“, offensichtlich ein Klon von Flappy Bird, außerdem ein Drumcomputer, ein Quiz und ein Idle-Clicker über einen Selleriemann. Der Selleriemann hat, so darf man annehmen, eine tragende Funktion.
Der Tester äußerte sich zurückhaltend zu den Ergebnissen. Die Apps, mit denen er herumgespielt hatte, waren seinen Worten zufolge ziemlich kleine Spielereien, auch wenn ihm der Drumcomputer gefiel. Das scheint eine treffende Beschreibung dieser Kategorie zu sein und entspricht auch ungefähr dem, was Bluesky nach eigenen Angaben anstrebt. Schneider selbst spricht von „ganz vielen dieser unterhaltsamen, kleinen sozialen Erlebnisse für deine Freunde“. Er fügte hinzu, dass wir nicht alle ständig mit der ganzen Welt kommunizieren müssten. Dass der CEO eines sozialen Netzwerks dafür plädiert, weniger in die ganze Welt zu senden, ist leicht überraschend, passt aber zum Produkt.
Das eigentliche Produkt ist die Reichweite
Eine App mit KI zu bauen, ist nicht mehr der schwierige Teil. Einen Menschen dazu zu bringen, sie zu öffnen, schon. Blueskys COO Rose Wang sagte es ganz ähnlich: Alle bauen etwas, aber die große Frage ist, wer das Gebaute nutzt, denn das Problem der Verbreitung hat noch niemand gelöst. Ihr Argument: Attie bringt Blueskys Reichweite mit, sodass das, was man erstellt, nicht für sich allein steht.
Das ist ein vernünftiges Argument, allerdings mit einem Haken, den das Unternehmen nicht verschweigt. Das Netzwerk hat 47 Millionen registrierte Nutzer, doch die Aktivität ist zurückgegangen. Einige Menschen, die Bluesky ausprobiert hatten, sind später zu X zurückgekehrt. Ein großes Publikum, das größtenteils gar nicht vorbeischaut, ist ein schwächerer Verbreitungskanal, als die große Zahl zunächst vermuten lässt.
Attie erfüllt also einen doppelten Zweck. Es ist eine Spielwiese, auf der Bluesky KI-gestützte Ideen ausprobieren kann, und Teil eines größeren Plans, die Aktivität im Netzwerk in den kommenden Monaten wiederzubeleben, indem sich das Unternehmen auf Entwickler und Communitys konzentriert. Kleine, teilbare und auf Gruppen ausgerichtete Dinge zu erstellen, ist ein plausibler Anlass für Menschen, zurückzukehren. Ob das ausreicht, ist eine offene Frage, auf die die Quellen keine Antwort geben.
Private Daten sind der zweite Baustein
Es gibt einen zweiten Baustein, der für den Community-Aspekt wichtig ist. Schneider sagte, die bevorstehende Unterstützung für private Daten im Protokoll sei der größte Wunsch der Entwickler. Sie befindet sich derzeit in Alpha-Tests; die Einführung ist bis Ende des Jahres geplant.
Das ist wichtig, weil ein Spiel oder Dashboard für eine Freundesgruppe unpraktisch ist, wenn im zugrunde liegenden Protokoll alles öffentlich ist. Die Quellen erläutern nicht, wie private Daten konkret mit Attie verknüpft werden sollen. Dieser Zusammenhang ist also eine Schlussfolgerung und kein ausdrücklich genannter Plan. Laut den Quellen sollen aber beide Bereiche davon profitieren: Entwickler und Communitys.
Hintergrund zur Unternehmensführung
Schneider ist ehemaliger CEO von Automattic und Partner bei True Ventures. Er hatte Bluesky übergangsweise geleitet, nachdem Jay Graber im März als CEO zurückgetreten war, um Chief Innovation Officer zu werden. Nun übernimmt er die Leitung des Unternehmens längerfristig, während es in das eintritt, was die Berichterstattung als KI-Ära bezeichnet. Grabers neuer Titel deutet darauf hin, dass das Unternehmen jemanden will, dessen Aufgabe es ist, über das Nächste nachzudenken. Attie scheint ein Kandidat dafür zu sein.
Wie das einzuordnen ist
Die Idee ist klar. Vibe-Coding war bisher vor allem ein privates Hobby: Man baut etwas, bewundert es und hat niemanden, dem man es schicken kann. Bluesky will, dass das Ergebnis von Anfang an sozial eingebunden ist – mit Identität, Link, Urheberangabe und einem bestehenden Netzwerk im Rücken.
Die offenen Fragen sind die üblichen. Die bisherigen Beispiele sind Spielereien. Die Aktivität im Netzwerk hat nachgelassen. Private Daten sind noch in der Alpha-Phase. Nichts davon bringt die Idee zu Fall, aber es bedeutet, dass der Reichweitenvorteil derzeit ein Versprechen ist und noch kein Ergebnis.
Trotzdem hat ein soziales Netzwerk etwas für sich, das auf schwindende Aufmerksamkeit reagiert, indem es dich für deine Freunde einen Idle-Clicker über einen Selleriemann bauen lässt. Es ist eine kleine Wette – und genau darum geht es laut Schneider.