Fast ein Jahr lang bat das Linux-Kernel-Projekt Entwickler darum, zu beichten, wenn eine Maschine beim Schreiben ihres Patches geholfen hatte. Jetzt fragt es nicht mehr danach. Die im Januar eingeführte Regel wird abgeschafft – teils, weil sich nicht alle daran hielten, und teils, weil Linus Torvalds sie für falsch ausgerichtet hält.
Was die Regel besagte und warum sie abgeschafft wird
Nach dieser Richtlinie sollten Mitwirkende einem Commit immer dann ein Assisted-by-Tag hinzufügen, wenn sie ein fortschrittliches Programmierwerkzeug verwendet hatten. Es war eine Offenlegungspflicht, auf dem Papier ganz einfach.
Am 9. Oktober schlug Sasha Levin, Entwickler und Ingenieur bei Nvidia, vor, sie zu streichen. Er verwies auf einen beim Maintainers Summit erzielten Konsens. Es ging also weniger um eine Rebellion als darum, eine bereits vor Ort getroffene Entscheidung nun auch schriftlich festzuhalten.
Jeff Layton von Red Hat brachte anschließend zwei praktische Einwände vor:
- Lückenhafte Befolgung. Nicht alle halten sich an die Richtlinie.
- Kostenlose Werbung. Seinen Worten zufolge dient das Tag als unbezahlte Werbung für Anbieter proprietärer LLMs.
Der erste Punkt ist für jede Regel, die auf Ehrlichkeit beruht, eine unangenehme Angelegenheit. Wenn nur die Gewissenhaften die Vorgabe einhalten, misst das Tag Gewissenhaftigkeit, nicht KI-Nutzung. Der zweite Punkt birgt eine schöne Ironie: eine Transparenzmaßnahme, die die Commit-Historie des Kernels still und leise in eine Werbetafel verwandelt hat.
Der Einwand und Torvalds’ Antwort
Nicht alle waren einverstanden. Laurent Pinchart, Gründer von Ideas on Board, sprach sich gegen die Abschaffung aus. Er befürchtete, dass es ohne eine andere Möglichkeit zur Offenlegung von KI-Beteiligung schwieriger wird, schlampige oder unehrliche Einreichungen auszusortieren.
Torvalds antwortete unverblümt. Dem Bericht zufolge fragte er, ob Pinchart nicht erkenne, wie albern solche Regeln seien. Dann schlug er vor, Pinchart solle beim Einreichen von Code auf Compiler verzichten, wenn er beweisen wolle, dass er ihn verstanden habe. Hinter der Spitze steckt ein Argument. Auch ein Compiler ist ein Werkzeug, das menschliche Absichten in etwas übersetzt, das die Maschine ausführt, und niemand versieht Commits mit dem Namen des Compilers.
Seine grundsätzliche Position ist dem Bericht zufolge, dass sich die Erwartungen daran orientieren sollten, was der Entwickler an der Änderung versteht, und nicht daran, welche Werkzeuge zum Einsatz kamen. Ein Patch wird danach beurteilt, ob sein Autor ihn erklären und dafür einstehen kann. Wie er eingetippt wurde, ist nebensächlich.
Die hier wiedergegebenen Zitate stammen aus einem russischsprachigen Bericht und wurden rückübersetzt; der Wortlaut kann daher vom ursprünglichen Austausch auf der Mailingliste abweichen. Die Kernaussage bleibt dieselbe: Torvalds wollte die Verantwortung bei den Menschen verankern, nicht bei den Toolchains.
Torvalds ist kein KI-Skeptiker
Angesichts seiner früheren Äußerungen auf dem Open Source Summit Europe war das keine Überraschung. Dort räumte Torvalds ein, dass er inzwischen gern KI für Aufgaben einsetzt, die ihm nicht liegen. Als Beispiel nannte er das Schreiben von Java-Code für ein eigenes Gitarrenpedalprojekt.
Er bezeichnete Vibe Coding als wunderbare Möglichkeit, Freude am Programmieren zu finden. Allerdings schränkte er auch ein: Wer etwas Reales und Wichtiges entwickelt, muss vorsichtig sein. Das ist eine durchaus in sich stimmige Philosophie. Für ein Hobby kann man das Werkzeug nach Belieben nutzen; wenn andere Menschen auf die Arbeit angewiesen sind, muss sie höheren Ansprüchen genügen.
Die gemischten Erfahrungen des Kernels mit KI
Die Vorteile sind bereits sichtbar. KI-Werkzeuge finden echte Schwachstellen im Kernel, darunter auch in Treibern, die seit 20 Jahren niemand mehr angefasst hatte. Unter zwei Jahrzehnten Staub können es sich Bugs offenbar bestens gemütlich machen.
Die Kehrseite bekommen die Maintainer zu spüren. Dem Bericht zufolge ging es in drei Vierteln der Vorträge auf dem Summit darum, den Stress zu verringern, den KI ihnen bereitet. Entwickler scherzen, dass inzwischen die Bots mit den Bots reden. Das ist lustig, bis man sich daran erinnert, dass immer noch ein menschlicher Maintainer den Thread lesen muss.
Für den Kernel ist die Lage also zugleich besser und anstrengender geworden. Werkzeuge finden alte Fehler, und dieselben Werkzeuge erzeugen mehr Material, das Menschen prüfen müssen.
Andere Projekte gehen den entgegengesetzten Weg
Die lockere Haltung des Kernels wird nicht überall geteilt. Zwei andere Open-Source-Projekte haben die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen:
| Projekt | Haltung |
|---|---|
| System76 | Hat KI-Inhalte in seiner COSMIC-Umgebung verboten |
| NetBSD | Verbietet seit 2024 KI-generierten Code |
Das Verbot scheint NetBSD in seiner Community nicht geschadet zu haben. Das Projekt sammelte 120.000 US-Dollar an Spenden ein, bei einem Ziel von 50.000 US-Dollar. Ein entschiedenes Nein ist zumindest eine klare Botschaft, hinter der man sich versammeln kann.
Was sich dadurch tatsächlich ändert
In der Praxis tauscht der Kernel ein Offenlegungsritual gegen ein Verantwortungsprinzip ein. Das Tag ist weg, doch die Erwartung, dass Einreichende ihren Patch verstehen, bleibt bestehen – und genau diese Erwartung ist Torvalds wichtig.
Pincharts Bedenken wurden nicht ausgeräumt, sondern nur überstimmt. Ohne Kennzeichnung müssen Reviewer schwache Einreichungen auf die herkömmliche Art erkennen: indem sie sie lesen und Fragen stellen. Das bedeutet mehr Arbeit für jene, die dem Bericht zufolge durch die Menge an KI-generierten Beiträgen ohnehin schon an ihre Grenzen stoßen.
Zugleich ist die Frage berechtigt, ob eine Regel, an die sich nur die Ehrlichen halten, jemals ihren Zweck erfüllt hat. Laytons Beobachtung legt nahe, dass das nicht der Fall war. Ihre Abschaffung macht zumindest der Augenwischerei ein Ende.
Aus dem Bericht geht nicht hervor, ob ein Ersatzmechanismus geplant ist. Das bleibt also offen. Vorerst lautet die Antwort des Kernels auf das Zeitalter KI-gestützten Codes genauso wie auf jedes frühere Werkzeug: Zeig, dass du verstehst, was du eingereicht hast.