Der Mann, der der KI-Branche Chips verkauft, findet, dass die KI-Branche weniger reden sollte. Andrew Feldman, CEO und Mitgründer von Cerebras Systems, sagte dem Publikum auf der Disrupt 2026: „Einige der führenden Köpfe in der KI-Welt sollten vielleicht nicht öffentlich reden dürfen.“ Ein witziger Spruch von jemandem, dessen Geschäft von dem abhängt, worüber da geredet wird. Dahinter steckt aber auch ein ernst gemeintes Argument, das es sich lohnt, genauer unter die Lupe zu nehmen.
Das Problem mit der Untergangsrhetorik
Feldmans Kritik zielt auf den Ton der Debatte. In der öffentlichen Diskussion über KI geht es zunehmend um versagende Kontrollmechanismen, Modelle, die sich nicht wie vorgesehen verhalten, und Insider, die Schätzungen darüber austauschen, wie hoch die prozentuale Wahrscheinlichkeit ist, dass KI die Menschheit bis zum Ende des Jahrzehnts auslöscht. Offenbar gehört das inzwischen zum normalen Gespräch beim Abendessen.
Die Stimmung ist so sehr im Mainstream angekommen, dass Anthropic-CEO Dario Amodei in „Saturday Night Live“ parodiert wurde. Die fiktive Version brachte die Debatte mit dem Satz auf den Punkt: „Wir billigen nicht, was wir tun.“ Wenn die eigene Risikokommunikation zur Vorlage für einen Sketch wird, ist sie einem wohl außer Kontrolle geraten.
Feldman meint, dass die Negativität die andere Hälfte der Geschichte verdrängt. Seiner Ansicht nach sollten KI-Chefs mehr Zeit darauf verwenden, zu beschreiben, was die Technologie leisten könnte, auch wenn sie Bedenken hinsichtlich ihrer Risiken haben. Als Beispiel nannte er eine Welt, in der die eigenen Enkel „nie jemandem begegnen, der an Krebs stirbt“.
Ein Akteur mit Eigeninteresse
Feldman hat hier eigene Interessen, und der zugrunde liegende Bericht macht daraus keinen Hehl. Zu den Kunden von Cerebras zählen OpenAI, Block, Figma, das Pharmaunternehmen GSK und Lovable. Ein Chiphersteller, dessen Kunden KI entwickeln und einsetzen, ist kein neutraler Schiedsrichter in der Weltuntergangsdebatte, und niemand sollte so tun, als wäre er einer.
Er hat allerdings nicht behauptet, die Risiken seien eingebildet. Seine Position gleicht eher einem realistischen Schulterzucken. Wie er es formulierte, stellt sich bei mächtigen Technologien die Frage, was passiert, wenn sie in die Hände böser Menschen geraten. Das eine sei ohne das andere nicht zu haben.
Sein Rezept besteht aus drei Teilen:
- Klar aussprechen. Die Technologie ist mächtig.
- Mit Bedacht handeln. Mit dieser Macht sorgsam umgehen.
- Vernünftig regulieren. Die Betonung liegt auf „vernünftig“ – ein Wort, an dem hier viel hängt und das er nicht definiert hat.
Das Problem mit den Gemeinden
Der konkretere Teil seines Vortrags drehte sich um Rechenzentren. Feldman sagte, ein Teil der negativen öffentlichen Stimmung gehe darauf zurück, wie die Branche den Ausbau angegangen sei, den die KI-Nachfrage ausgelöst habe. Seiner Darstellung nach hat die Branche in den vergangenen Jahren schlecht mit den Gemeinden vor Ort zusammengearbeitet, insbesondere in den USA.
Als Vergleich zog er die Energiebranche einschließlich der Öl- und Gaswirtschaft heran und sagte, die Rechenzentrumsbranche habe die Gemeinden nicht so eingebunden, wie sie es hätte tun sollen. Er nannte das ein Problem – ein ungewöhnlich deutliches Wort für einen Unternehmenschef, dessen Branche sehr viele Genehmigungen braucht.
Er verwies auch auf das Ausland. Die USA, so Feldman, hätten mit NIMBY-ismus („nicht in meinem Hinterhof!“) zu kämpfen, während andere Länder Unternehmen zum Bauen ermutigten. Er nannte Brasilien, Kanada, Finnland, Island, Norwegen, Mexiko und Schweden.
Der Subtext ist ziemlich eindeutig. Wenn die Gemeinden im eigenen Land weiter Nein sagen, wandert die Rechenkapazität dorthin, wo man Ja sagt.
Effizienz ist für ihn kein Grund zur Sorge
Cerebras konkurriert mit Nvidia. Die naheliegende Frage lautet also, was passiert, wenn alle immer besser darin werden, mit weniger mehr zu leisten. Wenn sowohl Modelle als auch Chips effizienter werden, sinkt dann die Nachfrage nach Chips?
Feldman zeigte sich unbesorgt. Seine Antwort war, dass Hardwareanbieter für effizientere Berechnungen sorgen könnten, während Modellentwickler ihrerseits daran arbeiteten, Modelle effizienter zu machen, um dieselben Ziele zu erreichen. Er stellte es als Arbeitsteilung dar, bei der Fortschritt voraussetze, dass alles zusammenkomme. Der Bericht liefert keine tiefergehende Begründung dafür, warum die Gesamtnachfrage stabil bleiben sollte. Was uns bleibt, ist also seine Zuversicht, nicht seine Berechnung.
Was sich daraus mitnehmen lässt
Drei Aussagen sollte man auseinanderhalten, denn sie lassen sich unterschiedlich gut überprüfen.
- Die Aussage zum Ton. Weltuntergangsrhetorik verdrängt die positiven Aussichten. Das ist eine Einschätzungsfrage, bei der vernünftige Menschen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen können.
- Die Aussage zu den Gemeinden. Die Rechenzentrumsbranche hat zu wenig in den Austausch mit den Gemeinden vor Ort investiert. Dieser Punkt lässt sich am unmittelbarsten in konkretes Handeln umsetzen, und er ist ein Eingeständnis aus der Branche selbst.
- Die Aussage zur Nachfrage. Effizienzgewinne werden die Chipnachfrage nicht schmälern. Das ist eine Prognose eines Anbieters, also ist der übliche Abschlag angebracht.
Das Heikle an der ersten Aussage ist, dass diejenigen, die am stärksten mit der Risikodebatte in Verbindung gebracht werden, oft selbst die Modelle entwickeln. Feldmans Vorschlag, einige von ihnen sollten dem Mikrofon fernbleiben, ist ein Scherz, verweist aber auf ein echtes Spannungsfeld. Die Branche will Anerkennung dafür bekommen, dass sie Sicherheit ernst nimmt, und zugleich soll die Öffentlichkeit dabei ruhig bleiben.
Sein praktischster Rat ist vielleicht der unspektakulärste. Bevor man eine krebsfreie Generation verspricht, könnte man erst einmal zu einer Sitzung zur Bauleitplanung gehen.