In einem Prozess um Geschäftsgeheimnisse gibt es üblicherweise einen Kläger und einen Beklagten. In diesem Fall gibt es jetzt auch eine Widerklage, und sie kam in derselben Woche, in der Apple jede Menge neue Hardware vorstellte. OpenAI sagt, ein ehemaliger Mitarbeiter habe mehr als 100 vertrauliche Dateien über die Produktpläne des Unternehmens mitgenommen, sei zu Apple gewechselt und habe das Material der Apple-Führung vorgelegt. Apple, das OpenAI zuerst im Streit um Geschäftsgeheimnisse verklagt hatte, reagierte zunächst nicht auf eine Bitte um Stellungnahme.
Was OpenAI vorwirft
Der Vorwurf findet sich in einem Dokument, das OpenAI am Mittwoch eingereicht hat. Der Mitarbeiter wird darin nicht namentlich genannt. Dem Dokument zufolge schickte die Person die Dateien vor ihrem Ausscheiden an ein privates Konto und präsentierte die Informationen später der Apple-Führung. Zu den dabei genannten Personen gehört der Vizepräsident für Apples operatives Geschäft in Asien.
Der Schriftsatz ist Teil des laufenden Rechtsstreits zwischen den beiden Unternehmen um Geschäftsgeheimnisse. Neu ist die Stoßrichtung. Apple hat OpenAI vorgeworfen, vertrauliche Dokumente gestohlen und Hardwareprototypen ausspioniert zu haben, um eigene Produkte zu entwickeln. Jetzt ist es OpenAI, das diesen Vorwurf erhebt.
Was angeblich in den Dateien steckte
OpenAI beschreibt das Material recht konkret:
- Bilder von mindestens einem noch nicht veröffentlichten Gerät
- Lieferanteninformationen
- Technische Daten und Projektdateien
- Standards für die Oberflächenveredelung
- Berichte über die "Beschichtung und Versiegelung von Hardwarekomponenten"
Diese Liste zeigt die wenig glamouröse Seite der Hardwareentwicklung. Niemand gerät wegen eines Berichts über Beschichtungen in Begeisterung – und genau darum geht es. Es sind Unterlagen, die ein Unternehmen lieber niemals einem Wettbewerber zu Gesicht kommen lassen würde.
Die Verbindung zu HomeView
OpenAI stellt einen Zusammenhang zwischen der angeblichen Präsentation und Apples neuem Smart-Display HomeView sowie den anderen Geräten her, die Apple diese Woche vorgestellt hat. In dem Schriftsatz heißt es, die Präsentation habe "offenbar vor Monaten stattgefunden" und Apple starte, nun mit diesen Informationen ausgestattet, einen neuen Vorstoß bei KI-gestützten Produkten. Als Beleg führt OpenAI einen Artikel und eine Unternehmensmitteilung über Apples neue Produkte an.
Man sollte genau hinsehen, was hier vorgelegt wird. Die Belege für den Zusammenhang bestehen der Schilderung zufolge im zeitlichen Ablauf und in der Produkteinführung selbst. Das Ausgangsmaterial beschreibt keinen direkten Vergleich zwischen den Dateien und den fertigen Geräten.
Die problematische Zeitachse
Dem steht ein offensichtlicher Einwand gegenüber. Apples Produktplanung hat typischerweise einen sehr langen Vorlauf, und Gerüchte über ein Smart-Display gibt es seit Jahren. Ein Gerät, über das seit Jahren gemunkelt wird, lässt sich nur schwer auf eine Präsentation zurückführen, die selbst nach OpenAIs Darstellung erst vor Monaten stattgefunden hat. Hardware schafft es normalerweise nicht innerhalb weniger Monate vom Foliensatz zur Produktvorstellung.
Das macht OpenAIs Behauptung nicht falsch. Im Schriftsatz wird behauptet, die Informationen kursierten inzwischen innerhalb von Apple. Das ist eine andere Frage als die, ob das Display selbst davon beeinflusst wurde. Es erklärt aber, warum die Verbindung zu HomeView der Punkt sein wird, den man zuerst kritisch hinterfragt.
Was OpenAI befürchtet
OpenAIs erklärte Sorge geht über ein einzelnes Produkt hinaus. Das Unternehmen sei sehr besorgt, dass seine Geschäftsgeheimnisse und vertraulichen Informationen nun innerhalb von Apple kursierten, wo Apple-Ingenieure auf der Grundlage von OpenAIs vertraulicher und innovativer Arbeit künftige Produkte gestalten könnten. Mit anderen Worten: Bei der Klage geht es ebenso sehr um die Preisgabe von Informationen wie um ein einzelnes Gerät.
Was wir nicht wissen
Vieles bleibt offen, und das sollte man klar benennen:
- Der Mitarbeiter wurde nicht namentlich genannt.
- Eine Reaktion von Apple auf die geschilderten Vorwürfe liegt nicht vor.
- Aus dem Bericht geht nicht hervor, wie OpenAI festgestellt hat, was Apple präsentiert wurde und wann dies geschah.
- Eine gerichtliche Entscheidung zu dem Vorwurf wird nicht beschrieben.
Es handelt sich um Vorwürfe in einem Schriftsatz. Sie geben die Darstellung einer Seite wieder, formuliert von Anwälten, deren Aufgabe es ist, sie so belastend wie möglich klingen zu lassen.
Die Pointe
Zwei Unternehmen, die sich in letzter Zeit gegenseitig vorgeworfen haben, die Hausaufgaben des jeweils anderen abzuschreiben, halten nun beide als vertraulich gekennzeichnete Mappen in der Hand. Die Gerichte werden irgendwann klären, wem welche Mappe gehört. Unterdessen steht das Smart-Display schon auf der Bühne – das einzige Beweisstück, dessen Herausgabe niemand gerichtlich erzwingen muss.